Studiogespräch 2024 mit Gregor Stehle und Carsten Lehmann konsum163
konsum163: Gregor, du sagst: Raum ist Beziehung. Was genau meinst du damit? Gregor Stehle: Es ist nicht der Raum als geometrische Ordnung gemeint. Ich meine den Raum, der entsteht, wenn etwas mit etwas anderem in Verbindung tritt.
Das kann ein Punkt auf einer Fläche sein, eine Linie, eine Farbe. Sobald ein Ele-
ment auf der Fläche existiert, verändert sich die Fläche – sie wird zum Raum. Der
Raum entsteht nicht vorher, sondern im Moment der Beziehung.
konsum163: Was ist dann das Bild für Dich?
Gregor Stehle: Vielleicht eher ein Ereignisraum. Ein Spannungsfeld. Ich denke
meine Bilder nicht als Fenster, sondern als Zustände. Ich stelle keine Szenen dar.
Ich male Zustände von Wahrnehmung. Ich gebe dem Raum die Möglichkeit, sich zu zeigen.
konsum163: Du warst 10 Jahre lang in einem Zen-Kloster. Wie sehr hat das deine
Kunst beeinflusst?
Gregor Stehle: Ich bin ja nicht ins Kloster gegange, weil ich mich verändern wollte, im Sinne einer existenziellen Suche. Ich dachte einfach, das sei der beste Ort
um einigen Fragen, die mich damals beschäftigt haben auf den Grund zu gehen. Wie wenn man sich überlegt, auf eine Universitäz zu einem bestimmtem Professor zu gehen, weil man sich genau für dieses Thema interessiert. Ich wollte weiter studieren.
Zen hat eine Methode. Sitzen und vergessen und was dann? Genau das wollte
ich herausfinde. Ich meine etwas neues kann ja nur entstehen, wenn das alte ganz
vergessen ist, sonst bleibt es referenziell und was referenziell ist, war für mich kei-
ne Kunst. Heidegger hat sich gefragt, wie man das Nicht-wollen wollen kann.. ich
habe mich damals gefragt, wie man das Nicht-denken im Sinne von Nicht-Vorstel-
len denken oder eben auf die Kunst bezogen malen/zeigen kann. Ich beginne kein
Bild mit einem Plan. Ich beginne mit einer weißen Fläche. Ich lebe mit ihr. Tage.
Wochen. Und irgendwann passiert etwas.Wenn ich auf dem Grund des Verges-
sens aufkomme und da ereignet sich eine natürlicher Gegenimpuls. Wie bei einem
Gummiball, der auf dem Boden aufschlägt.Dann male ich. Der Moment ist klar und
leicht. Er kommt von allein. Ich greife den Pinsel, setze an. Das Bild geschieht.
konsum163: Das klingt fast wie eine Form der Meditation?
Gregor Stehle: Meditation ist Meditation also sitzen und vergessen und malen ist malen. Ich belasse es lieber dabei. Wenn Meditation bewußtes Nichts-Tun ist, dann ist das Malen ein tuendes Nichts-tun. Genau das ist es. Deshalb kann ich sagen „ich male nicht“.
konsum163: Deine Werke wirken extrem reduziert – manchmal nur ein Farbblock, ein paar Linien. Steckt darin nicht eine große Provokation?
Gregor Stehle: Vielleicht. Ich weiß nur, dass ich nicht provozieren will. Ich will nichts hinzufügen , was nicht notwendig ist. Reduktion ist kein Konzept, sondern eine Folge. Ich will nicht repräsentieren. Ich will erzeugen. Der Betrachter soll nicht erkennen, sondern spüren. Ich glaube, die wahre Provokation ist nicht die Leere, sondern dass wir verlent haben ihr zuzuhören, mit ihr umzugehen, diese zu bewohnen.
konsum163: Du beziehst dich auf viele Philosophen – Kant, Sloterdijk, Popper, Heidegger, Jullien. Wozu brauchst du die Philosophie?
Gregor Stehle: Ich brauche sie nicht als Theorie. Aber sie ist mein Gesprächspartner. Kant hat gezeigt, dass Raum nicht objektiv ist, sondern in uns entsteht. Sloterdijk denkt Raum als Sphäre der Beziehung. Popper unterscheidet Welten, in denen meine Kunst oszilliert, Heidegger lehrte mich die Qualität des Wartens - und Jullien? Der bringt mir bei, mit den Aug en eines Taoisten,eines Zhuangzi, zusehen – nicht fixierend, sondern wandernd. Ich nehme das alles auf, aber ich male es nicht. Es fließt in meine Haltung ein.
konsum163: Du hast deine Ausbildung bei einem Bildhauer gemacht – und du siehst deine Bilder auch im Raum. Warum?
Gregor Stehle: Ja, das stimmt. Ein Bild ist nicht etwas abgeschlossenes für mich. Es ist ein Raum in einem Raum in einem Raum.... Es ist nicht die Oberfläche, son- dern die Ausstrahlung, die mich interessiert. Ich denke den Raum immer mit. Man- che Bilder sind wie Knotenpunkte. Andere wie Stille. Ich hänge sie in Räume, nicht an Wände. Das ist wichtig. Das Bild erhellt den Raum in dem es hängt.
konsum163: In deinem Werk scheint die Farbe eine ambivalente Rolle zu spielen.
Sie ist da, aber sie will nichts.
Gregor Stehle: Ja, Farbe ist für mich nicht Symbol, sondern Stimmung, der Raum wird eingefäbrt. Ich arbeite mit Farbräumen, nicht mit Farbcodes. Ich mag das Goethe’sche Farbsystem lieber als das wissenschaftliche. Farbe ist ein atmosphärisches Moment. Sie ist nicht dekorativ. Sie erzeugt Dichte oder Leichtigkeit. Sie zieht an oder stößt ab. Aber sie will nichts sagen. Sie will nur sein.
konsum163: Gibt es für dich gute oder schlechte Bilder?
Gregor Stehle: Es gibt echte oder unechte Bilder. Ein echtes Bild hat sich selbst erzeugt. Es war notwendig. Es hat mich überrascht. Es braucht mich nicht. Ein un- echtes Bild ist gewollt. Konstruiert. Funktional. Es hat eine Urheber. Ich merke das sofort. Man kann es nicht immer erklären – aber fühlen. Ich verwerfe sehr viel. Weil ich weiß, wann ein Bild wirklich wahr ist oder eben nicht Präsenz kennt keine Kom- promisse.
konsum163: Und der Betrachter? Was erwartest du von ihm?
Gregor Stehle: Nichts. Ehrlich: nichts. Ich erwarte kein Verständnis. Ich wünsche mir Offenheit. Keine Interpretation, sondern Präsenz. Meine Bilder wollen keine Bedeutung. Sie wollen Raum sein, in dem der Betrachter auch sein darf, und sich vergessen Wenn das passiert – wenn jemand seinem eigenen Raum-sein Raum gibt – dann passiert vielleicht so etwas wie Schönheit.
konsum163: Du sprichst oft von „atmosphärischer Kunst“. Was meinst du damit? Gregor Stehle: Ich meine die Kunst, die nicht über etwas spricht, sondern etwas erzeugt. Atmosphären sind körperlich. Sie sind nicht in der Luft, sondern im Körper. Ich glaube, dass Kunst atmosphärische Felder sein kann – wie das Wetter oder die Athmosphäre einer Stadt oder Landschaft, die wir an nichts festmachen können und trotzdem ganz real spürenam eigenen Leib. Und ich male Wetterereignisse. Nicht meteorologisch, sondern existenziell. Eine Spannung. Eine Aufladung. Ein Schweben. Dazu passt, was Picasso mal zu Malraux gesagt haben soll: Die beste Aussage über Malerei habe er in einem chinesischen Sprichwort gefunden „ man darf as Leben nicht nachahmen, man muß arbeiten wie es. Das ist für mich Kunst.
konsum163: Deine Arbeiten wirken oft wie visuelle Musik. Hast du dafür ein Gespür aus deiner Jazz-Zeit mitgenommen?
Gregor Stehle: Absolut. Ich war Schlagzeuger. Ich habe Free Jazz gespielt. Improvisation war meine Schule. Es gibt diese Momente im Jazz, wo du nicht mehr denkst. Du bist nur noch Präsenz. Der Rhythmus kommt durch dich. Genauso ist es beim Malen. Der Moment zählt. Das Jetzt. Kein Plan., Kein Kalkül.
konsum163: Würdest du sagen, deine Kunst ist spirituell?
Gregor Stehle: Boris Gryse über Kunst: Die fundamentale Frage ist immer noch wie man tranzendent bleiben kann, wie man immer noch über das Gan- ze sprechen kann unter der Bedingung des radikalen Materialismus. Ohne alle Annahmen von Seele, Geist, Vernunft usw. Wir erwarten von der Kunst das sie ihre Zeit überlebt, dass sie eine Bedeutung hat jenseits ihrer unmittelbaren Si- tuation. Das bringt die Kunst mit Religion und Philosophie zusammen. Der Un- terschied ist kleiner als man denkt. Wenn du unter spirituell das Unverfügbare meinst: ja. Wenn du Esoterik meinst: nein. Ich bin kein Lehrer. Ich bin Forscher. Ich untersuche Zustände, Räume, Zwischenräume. Ich will nichts vermitteln. Ich will nur zeigen, was vielleicht nicht sichtbar ist. Das Reale im Abwesenden Wir leben in einem radikalen Materialismus. Ohne alle Annahmen von Seele, Geist , Vernuft usw und trotzdem erwarten wir von der Kunst, als Antwort auf unsere Sehnushct nach Transzendez, dass sie ihre Zeit überlebt, dass sie eine Bedeutung hat jenseits ihrer unmittelbaren Situation. Das bringt die Kunst nä- her mit Spiritualität und Philosophie zusammen, als uns vielleicht lieb ist.
konsum163: Du lehnst das klassische Atelier ab. Warum?
Gregor Stehle: Weil ich nicht trennen kann. Ich male dort, wo ich lebe. Ich denke nicht in Arbeitszeit und Freizeit. Kunst ist ein Zustand. Eine Haltung. Ich brauche keinen Produktionsort. Ich brauche Präsenz. Ob eine Halle oder ein Küchentisch, ich arbeite mit dem was da ist. Hauptsache: offen. konsum163: Was kommt als Nächstes? Wo willst du mit deiner Kunst hin? Gregor Stehle: Ich will Räume bespielen. Große Räume. Leere Räume. Archi- tektur interessiert mich. Ich will, dass meine Arbeiten mit vielen unterschiedli- chen Räumen sprechen. Nicht museal, sondern physisch. Ich denke an Instal- lationen, an Anordnungen, an neue skulpturale Formen. Aber ehrlich: Ich weiß es nicht. Ich lasse es kommen. Wie immer.
konsum163: Letzte Frage: Was würdest du jungen Künstlern raten?
Gregor Stehle: Entweder du bist Künstler – oder nicht. Und das weißt nur du selbst. Wenn du es bist, dann mach dein Ding. Nicht für den Markt, nicht für die Kritik, nicht für Instagram. Für dich. Kunst duldet keine Mittelmäßigkeit. Nur Dringlichkeit.
konsum163: Danke für das Gespräch, Gregor.
Gregor Stehle: Danke. Raum ist Beziehung. Und Beziehung ist alles.

